Gisela Spoerri-Hessenbruch

Autorin G-S-H

  1. Kindheit und Jugend als Fundament späteren Lebens (1932-1952)

Nov. 1932 in das von den Eltern 1929 gegründete „Rudolf Steiner-Erziehungs­heim“ in Köln-Weiden als jüngstes von vier Kindern – schicksalhaft – hineingeboren, erfuhr ich (im großen Rahmen von 20-30 Schülern und in der Aufbruchstimmung liebevoller Mitarbeiter) eine außergewöhnlich paradiesische Kindheit.  In den Feierlichkeiten der Jahresfeste mit Höhepunkt der Weihnachtsspiele sowie in den Räumen der Eurythmie, des Malens, Plastizierens, Musizierens usw. war ich als kleinster „Zaungast“ überall herzlich willkommen.

1940, veranlasst durch den Krieg, zog die Mutter mit uns vier Kindern zur letzten von den Nazis noch nicht verbotenen Waldorfschule (die allerdings bald darauf auch geschlossen wurde) nach Dresden, womit die Trennung der Eltern einherging.

Bis zu dem wohl furchtbarsten aller herkömmlichen Bombenangriffe Mitte Februar 1945 war diese Stadt (inzwischen bis unter alle Dächer überfüllt von Flüchtlingen, vor allem Frauen und Kindern aus dem Osten) von jeglichen Luftangriffen verschont geblieben. – Das damit verbundene unsägliche Leiden hat sich gewiss der Erdenchronik tief eingegraben; das fühlte ich schon als zwölfjähriges Kind, als ich in dieser Nacht nach der Entwarnung hinter der Fensterscheibe aus dem Vorstadtviertel mit Entsetzen in den gewaltigen, die ganze Stadt verschlingenden Feuer­sturm hineinsah, der in massigen Glutwolkenfetzen eine zerreißende Schmerzenspanik von Mensch, Tier und Pflanze zum „Himmel“ hinauf loderte … – Alles vollzog sich jetzt wie im Traum. Der täglich näherrückende Donner der Ostfront zwang die Mutter, mit uns zwei Mädchen (die Brüder waren eingezogen) Richtung Stuttgart zu fliehen. … Drei Tage Flucht … Viel prägte sich in diesen wenigen Tagen und endlosen Stunden tief in unsere Seelen ein!

Erst im Herbst 1946 begann für mich (durch die Kriegs- und andere Umstände „Beinahe-Anal­phabetin“) in der Stuttgarter Waldorfschule mit Sprung in die 7. Klasse ein systematischer Schulunterricht. Bis dahin war mir vom Schicksal eine Ausnahme-Entwicklung verlängerter Spielzeit gewährt. Dementsprechend wurde ich von meiner Umgebung quasi als „Taugenichts“ eingestuft, bis die künstlerischen Fähigkeiten für manchen – und damit auch für mich selbst – erkennbar wurden.

Nach der 12. Klasse ohne Prüfungsabschluss schien dazumal ein „Haushaltsjahr“ für das weibliche Geschlecht angemessen. Damit begann die bewusste Selbst-Schulung, gerade das mit Liebe zu tun, was ich nicht gerne tat: Putzen, Waschen, Kochen etc. Hier erlebte ich erstmals das „Doppelwesen“ im Menschen, d.h. eine neue Freiheit gegenüber der eigenen „Ego“-Natur. Nach einem halben Jahr öffnete sich eine neue „Türe“: Warum nicht das zweite Halbjahr in Paris absolvieren?

  1. Studien- und Theaterzeit (1952-1964) in Stichworten

Paris (neben Hausmädchendienst Ballett und Plastizieren ausprobiert), Stuttgart (Staatl. Akademie der Bildenden Künste mit Fach Bildhauerei), Düsseldorf (Pantomimensemble Jean Soubeyran), Wien (Max Reinhardt-Seminar der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit Tournee als Hero in Grillparzers Des Meeres und der Liebe Wellen und anderen ersten Theaterauftritten). Abschluss mit Auszeichnung. – Feste Theaterengagements (1957-1964): Stadttheater Klagenfurt, Stadttheater St. Gallen, Städtische Bühnen Oberhausen. Besonders zu erwähnen: 5 Monate Tournee auf vielen bedeutenden Bühnen im deutschsprachigen Raum als Partnerin des damals namhaften Theater- und Filmschauspielers Oskar Werner (Wiener Burgtheater) in Goethes Torquato Tasso mit Abschluss an den Festspielen „Théatre des Nations“ in Paris. – Im Rahmen meiner Schauspielzeit spielte ich viele hauptsächlich stücktragende Rollen von Shakespeare bis ins 20. Jh.

Die besondere Kindheit und Jugend bildete in meinen über tausend Bühnenauftritten ein kostbares Fundament. Ohne dass ich mich schon näher mit dem schriftlichen Werk Rudolf Steiners beschäftigt hatte, war mir die besondere Kindheit ein inneres Licht, das mich in der mir immer fremder werdenden Theaterwelt begleitete. Erst in meinem 32. Lebensjahr (es waren die von mir noch nicht geahnten letzten Monate meiner Bühnenauftritte) ent-deck­te ich in einem der vielen mir geschenkten Bücher den mir sehr vertrauten Geist in Rudolf Steiners Gedanken.

  1. Inneres Studium und Auseinandersetzung (1964-1986)

Ab 1964 begann die erste Lebensphase der Zurückgezogenheit. Aufenthalt vorwiegend in Bad Liebenzell-Unterlen­genhardt (Nordschwarzwald). Vertiefung des Studiums der Anthroposophie.

In dieser Zeit musste ich mich zweimal einer größeren Operation unterziehen. Die einschneidenden Veränderungen auf den Theaterbühnen gegen Ende der 60er-Jahre und meine gefährdete Gesundheit waren das Abschieds­signal für mein eigenes Wirken auf der Bühne. Nach einiger Zeit wurde ich an einer Waldorfschule durch den Deutschlehrer Dr. Hubert Spörri, mit welchem ich seit 1970 in dritter Ehe verheiratet bin, mit der Einstudierung von Klassenspielen betraut, worin sich eine besondere, auch für mich selbst überraschende Fähigkeit zeigte. Es begann 1977 mit Shakespeares „Romeo und Julia“, wofür sich eine zwölfte Klasse entschieden hatte.

Während ich verschiedene Zwölft- und Achtklassenspiele sowie pantomimische Szenen mit Schülern der Oberstufe einstudierte, vertiefte ich mich erstmals gründlicher in Rudolf Steiners Vortragszyklus „Sprachgestaltung und Dramatische Kunst“ (zur „Erneuerung der Bühnenkunst“) von 1924, der, wie er selbst betonte, stark unter Marie Steiners Einfluss gehalten wurde. – Dieses Buch war eine ungeahnte, herbe Ent-Täu­schung. – Im Rückblick sehen wir oft die Schicksalsführung, denn erst nach einem intensiveren geistigen Studium der Steinerschen Anthroposophie schien ich reif für diese schwere Prüfung.

Ursprünglich wollte ich nur meine reichen Erfahrungen der Bühnenkunst, vor allem das Wesenhafte der Rollen-Einstudierung, einmal schriftlich festhalten. Aber das gründliche Eindringen in Rudolf Steiners (durch Marie Steiner-von Sivers deutlich beeinflusste) Äußerungen zu diesem anspruchsvollen hohen Kunstgebiet der Menschendarstellung, die zu seiner früheren Auffassung in krassem, unauflöslichem Widerspruch stehen, machte mir das unmöglich. Eine ungewollte, für mich unumgängliche Auseinandersetzung wurde mir buchstäblich auferlegt. – Ohne meinen Ehemann wäre mir allerdings das Schreiben dieses während sieben Jahren ausreifenden ersten Buches mangels konventioneller Schulbildung der Form nach schwer­­lich möglich gewesen. Durch ihn lernte ich damals korrekten Satzbau, fand jedoch zugleich aus den Inhalten des Themas meinen ganz eigenen Stil. – So entstand mein Buch „Schau- und Spielkunst – Menschendarstellungskunst“ (Turm-Verlag, Bietigheim, 1984). Das Echo auf dieses innerhalb der Anthroposophenschaft überfällige Buch reichte von begeisterter Aufnahme bis zu schroffer Ablehnung (letzteres nicht selten, ohne es selbst gelesen zu haben).

  1. Der prüfungsreiche Weg zum Buch „Eros zu Christos“ (~2002-2011)

Das positive Echo auf mein erstes Buch führte 1986 zur Berufung als künstlerische Leiterin der neu zu begründenden Schauspiel-Abteilung im Rahmen eines Bundesmodellversuchs an die Fachhochschule für Kunsttherapie und Kunst in Ottersberg. Dieses völlig überraschende Angebot ließ mich spontan zurückschrecken. Auf Zureden meines Ehemannes, der dadurch selbst die Chance eines beruflichen Wechsels erhielt, ging ich trotz massiver Bedenken – es war für mich völliges Neuland mit vielen ungeklärten Voraussetzungen – auf das Angebot ein. So war die Ausgangslage in Ottersberg bereits höchst problematisch: Es begann mit der fehlenden, mir zugesagten zweiten Lehrkraft im Hauptfach (Rollenstudium). Somit fehlte der wichtigste Faktor eines solchen Studiums, wird doch in keiner Schauspielschule den Studierenden in diesem Hauptfach nur eine einzige Lehrkraft geboten. – Der Start in Ottersberg wurde ungeachtet des Mangels an finanziellen, strukturellen und vor allem personellen Voraussetzungen für dieses im Vergleich mit Bildender Kunst aufwändige Kunstgebiet (Verhältnis von Dozenten pro Student) begeistert aufgenommen, doch ließ sich trotz zweier sehr erfolgreicher öffentlicher Präsentationen das in vieler Hinsicht unzureichende Angebot der Fachhochschule nicht auf die Dauer überspielen. – 1989 folgte zwar meine Professur, aber die vergebliche Suche nach geeigneten, auf geistige Impulse eingestellten Mitarbeitern führte zwangsläufig zur Aufnahme von Theaterkräften staatlicher Bühnen. Die damit einhergehenden, nicht voraussehbaren negativen Einflüsse führten in eine tiefe Krise, verbunden mit einer bitteren Verleumdungskampagne gegen meine Arbeit, bis ich mich durch einen – im Rückblick deutlich schicksalhaften – Unfall im Dezember 1990 zum Bedauern der Hochschulleitung zur Aufgabe der Lehrtätigkeit gezwungen sah.

Folgendes in Stichworten: Zweite Lebensphase der Zurückgezogenheit. Erst jetzt, im Prüfstand von Jahren der Einsamkeit das Erkennen: Es sind Prüfungen der Liebe. – Es folgten weitere, intimere Prüfungen der Liebe und ihrer unendlichen Kraft. – Der Mitmensch und unser Schicksal, wie eng sind sie verknüpft! Ich sollte und wollte das alles erfahren.

1996 – wie ein kurzes „Wetterleuchten“ früherer und künftiger Zeit – der Ruf zur Lesung besonderer, teils von mir selbst ausgewählter Briefe und Gedichte von Novalis auf Schloss Grüningen im Rahmen einer Tagung der Internationalen Novalis-Gesellschaft mit Germanistik-Professoren aus der ganzen Welt. Die bewegende Aufnahme – eine Sternstunde meines Lebens. Damit begann die intensive Beschäftigung mit diesem mich zwar seit frühen Jahren „verfolgenden“, aber erst jetzt voll ent-deckten Dichterphilosophen, der dann den „goldenen Faden“ im langen Entstehungsweg meines Buches „Eros zu Christos“ bildete.