Harue Kawabata-Sano

Vorwort
Diese Sammlung, nach seinem eigenem Geschmack aus der Fülle japanischer Dichtkunst gewählt, hatte mein Vater schon ins Deutsche übersetzt, als er noch Student war und in Berlin Deutsche Kultur und Kunst studierte. Er war 6 Jahre lang eingetragener Student an der Humboldt-Universität. Zur Korrektur seiner Dissertation empfahl ihm der Leiter des Deutsch-Japanischen Vereins in Berlin Fräulein Änne Gerber, meine Mutter. Dabei soll mein Vater sie auch manchmal gebeten haben, Stücke aus seinen Übersetzungen vorzulesen.
Als ich klein war, wohnten wir in dem kleinen Städtchen Mikage bei Kobe. In einer Bombennacht 1945 ging die ganze Gegend in Flammen auf. Wir dachten, dass alle Manuskripte verbrannt wären. Doch nach Jahrzehnten fanden sie sich wieder, zusammen mit alten Briefen in einem Riesenpappkarton. Da ich inzwischen an der Kyoto-Universität mein Studium der japanischen Sprache und Literatur beendet hatte, forderte ich die Eltern oft auf, die einst vorgenommene Übersetzung als ein Ganzes zusammenzufassen. Um das Jahr 1988 , als ich die Originaltexte ganz auf Einzelheiten eingehend erforscht hatte, fand auch meine Mutter wieder Mut. Wir fingen eifrig mit der Arbeit an. Dabei sagte Mutter : „Damals konnte ich manches noch nicht recht verstehen. Jetzt nach mehr als 50 Jahren des Lebens hier kann ich etwas sicherer mitdenken und mitfühlen.“ Dennoch behauptete sie oft „So etwas läßt sich auf Deutsch nicht ausdrücken“ oder „Was mag hier angedeutet sein ?“ Mit der nun schon 90 jährigen Mutter gab es manchmal heftige Auseinandersetzungen. Manchmal schien mir der Sinn nicht recht getroffen, manchmal die Übersetzung zu lang. Und nach Tagen schrieb sie mir dann, denn sie wohnt auf dem Lande in der Gifu-Provinz und ich Kyoto, und da staunte ich. Hatte sie doch in der Zwischenzeit den richtigen Ausdruck gefunden. Wir waren wie e i n e Person : Eine konnte Japanisch und verstand Deutsch, die andere konnte Deutsch und verstand Japanisch, wenn auch das von vor 900 Jahren.
So schafften wir weiter und der Vater saß immer dabei, hörte zu und gab treffenden Rat. Doch es war ein weiter Weg. Zuweilen fürchtete ich, dass wir das Ziel nicht mehr erleben würden. Doch zum Glück geschah nichts, was unser Vorhaben hemmte. Die Illustrationen hat Iku, meine jüngste Tochter, für ihre Oma gezeichnet. So ist dies Büchlein entstanden. Änne freute sich sehr, mit diesem Werklein ihrem lieben Japan einen Dank hinterlassan zu können. Ich freue mich auch, weil hiermit ein weiteres Stückchen japanischer Literatur für Ausländer lesbar wird.

30. April 1992 Harue Kawabata-Sano

Nachwort zur zweiten verbesserten Auflage
Die erste Auflage erschien 1992 in Japan als Privatdruck. Kurz nach dem Tode meiner Mutter, 1995, lernte ich Frau Ruth Taneda kennen, die sich, wie meine Mutter in Japan eingelebt hatte. Mit vollem Mitgefühl an Änne interessierte sie sich auch für diese Übersetzung. Sie half mir das Manuskript weiter zu verbessern. Wir konnten aber lange keinen Weg finden, bis unser altvertrauter Hausfreund, Dr. Reinhard Schütz dem Hierophant-Verlag begegnete, dessen Herausgeberin, Frau Bettina Peters, das Manuskript freundlich angenommen hat.
Allen, die an der Veröffentlichung dieser Schrift mitgewirkt haben, sage ich meinen herzlichen Dank.

Kyoto, am 25. Dezember 2010 Harue Kawabata-Sano